Erneuerbare dämpfen Strompreisschocks – Bundesnetzagentur plant neues Kriseninstrument

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Die Energiekrise des Jahres 2022 hat die Risiken fossiler Abhängigkeit im Strommarkt offengelegt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Stopp russischer Erdgaslieferungen nach Deutschland stieg der Gaspreis auf historische Höchststände. Der Stromgroßhandelspreis lag im ersten Kriegsjahr im Durchschnitt bei rund 230 Euro/MWh und damit bei mehr als dem Doppelten des Niveaus von 2021.

Eine neue Modellanalyse zeigt nun, dass ein stärker von Erneuerbare Energien geprägtes Stromsystem auf solche Preisschocks deutlich robuster reagiert. Parallel dazu bereitet die Bundesnetzagentur ein neues Instrument für mögliche Strommangellagen vor. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sich Versorgungssicherheit und Preisstabilität in künftigen Krisen stärken lassen.

Strompreise im Stresstest: Erneuerbare senken das Krisenrisiko

Für den Stresstest hat der Marktberichterstatter Montel im Auftrag des BUND drei Szenarien beim Großhandelsstrompreis untersucht. Analysiert wurden die Erzeugungs- und Verbrauchsstruktur Deutschlands im Jahr 2011 mit den Brennstoffpreisen aus 2022, das Referenzszenario 2022 mit rund 50 % Erneuerbaren im Strommix sowie ein Szenario für 2030. Für 2030 gehen die Autoren von einem Bruttostromverbrauch von rund 750 Terawattstunden aus, von denen 80 % durch Erneuerbare gedeckt werden, ergänzt um eine hohe flexible Nachfrage etwa durch Speicher und Wärmepumpen.

Das Ergebnis fällt deutlich aus: Im stark fossilen System des Jahres 2011 erreicht der Strompreis im Stresstest durchschnittlich rund 380 Euro/MWh. Im weitgehend erneuerbaren Szenario für 2030 sinkt dieser Wert auf 137 Euro/MWh und liegt damit bei weniger als der Hälfte. Unter den tatsächlichen Bedingungen des Jahres 2022 lag der Durchschnittspreis in der Analyse bei 235 Euro/MWh.

Auch bei Extrempreisen zeigt sich ein klarer Unterschied. Preise von mehr als 500 Euro/MWh traten im 2011er-Szenario in 785 Stunden auf, im 2030-Szenario dagegen nur in 41 Stunden. Die Autoren folgern daraus, dass Erneuerbare Energien in Verbindung mit Nachfrageflexibilitäten starke Preisanstiege abmildern und Energiekrisen bei weiterem Ausbau abschwächen können.

„Erneuerbare Energien gepaart mit Nachfrageflexibilitäten haben einen noch stärkeren Preisanstieg verhindert und können Energiekrisen bei weiterem Ausbau abschwächen.“

BUND/Montel

Analyse zum Iran-Krieg zeigt dämpfenden Effekt auf den Börsenstrompreis

Auch eine aktuelle Analyse des Fraunhofer ISE beschreibt einen ähnlichen Zusammenhang. Im Zuge des Iran-Kriegs verteuerte sich Erdgas deutlich, nachdem die Schließung der Straße von Hormus den Gaspreis nach oben trieb. Im März stieg der Gaspreis demnach um 48 % gegenüber dem Vormonat, wodurch sich die Grenzkosten von Erdgas für die Stromerzeugung erheblich erhöhten.

Der Börsenstrompreis entwickelte sich jedoch anders. Nach dem US-Angriff auf den Iran gab er im Monatsvergleich sogar leicht nach und lag im März bei 95,58 Euro/MWh. Im April sank er nochmals um rund 27 % auf knapp 70 Euro/MWh, während der Gaspreis lediglich um 12,6 % zurückging.

Als Grund nennen die Fachleute die hohe Einspeisung Erneuerbarer mit niedrigen Gestehungskosten. Dadurch habe sich der Strompreis weitgehend vom Gaspreis entkoppelt.

„Hätten die erneuerbaren Energien nicht so stark zur Stromerzeugung beigetragen, wäre der Börsenstrompreis im April 76 Prozent höher gewesen.“

Leonhard Gandhi, Fraunhofer ISE

Bundesnetzagentur entwickelt Sicherheitsplattform Strom

Für mögliche künftige Krisenfälle arbeitet die Bundesnetzagentur an der sogenannten Sicherheitsplattform Strom. Dort sollen relevante Daten zur Stromnutzung erfasst und hinterlegt werden, die in einem potenziellen Ernstfall wichtig sind. Die Plattform soll das bestehende Instrumentarium der Netzbetreiber ergänzen, die bereits über weitreichende Möglichkeiten zur Netzstabilisierung verfügen.

Kommt es zu einer ernstzunehmenden Energiemangellage, kann die Behörde bestimmten Verbrauchern anordnen, ihre Last zu reduzieren. Voraussetzung dafür ist eine Rechtsverordnung nach dem Energiesicherungsgesetz. Die Bundesnetzagentur betont, dass eine solche Anweisung nur als letztes Mittel und mit ausreichend Vorlauf erfolgen soll. Laut einem Bericht der „Welt“ soll die Vorlaufzeit für betroffene Unternehmen zwischen drei Tagen und 24 Stunden liegen.

Vorbild ist die bereits bestehende Sicherheitsplattform Gas. Dort liefern Gasverbraucher, Bilanzkreisverantwortliche und Gasnetzbetreiber aktuelle Daten, damit die Bundesnetzagentur im Notfall als Bundeslastverteiler handeln kann. Für den Strommarkt soll ein vergleichbares Kriseninstrument entstehen.

Stromversorgung in Deutschland bleibt auf hohem Sicherheitsniveau

Trotz der Vorbereitungen auf mögliche Mangellagen gilt das Stromsystem in Deutschland als eines der sichersten weltweit. Im Jahr 2024 sank die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung pro Letztverbraucher weiter. Sie betrug neun Minuten in der Mittelspannung und 2,4 Minuten in der Niederspannung.

Die aktuellen Analysen machen zugleich deutlich, dass der Ausbau Erneuerbarer nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für die Preisstabilität im Strommarkt an Bedeutung gewinnt. Gerade in geopolitischen Krisen zeigt sich damit ein wachsender Beitrag zur Widerstandsfähigkeit des Systems.

Fazit

Die Modellrechnungen zum Krisenjahr 2022 und die Marktbeobachtungen zum Iran-Krieg zeichnen ein konsistentes Bild: Ein höherer Anteil Erneuerbarer Energien kann extreme Ausschläge am Stromgroßhandelsmarkt deutlich begrenzen. Gleichzeitig stärkt die Bundesnetzagentur mit der geplanten Sicherheitsplattform Strom die Vorbereitung auf mögliche Mangellagen. Beides zusammen verweist auf ein Stromsystem, das mit wachsendem Erneuerbaren-Anteil robuster auf Krisen reagieren kann.

Quellen

Autor: Ronny Blochwitz

Energieexperte bei Stromvergleich.de

Ronny Blochwitz ist Energieexperte mit über 15 Jahren Erfahrung in der Energiewirtschaft und unterstützt bei einem Energievergleichsportal Verbraucher bei fundierten Strom- und Gasentscheidungen.


Stand: 6. August 2026
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