Experteninterview

Wie Entscheider die Energiekosten ihres Unternehmens jetzt wirklich senken

Wilhelm Große, unser Experte für Industriestrom und Industriegas. Er räumt mit den hartnäckigsten Mythen auf und zeigt praxisnah, welche Hebel Unternehmen jetzt wirklich haben, um ihre Kosten massiv zu senken.

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    Die wichtigsten Inhalte im Überblick

    Keine Staatshilfe für den Mittelstand: Der „5-Cent-Industriestrom“ gilt nur für Großkonzerne, weshalb mittelständische Unternehmen ihre Energiekosten selbst senken müssen.
    Vorausschauender Einkauf: Durch einen frühzeitigen, strategischen Energieeinkauf in Tranchen können sich Betriebe die deutlich günstigeren Strompreise der Zukunft sichern.
    Netzentgelte massiv senken: Wer teure Strom-Lastspitzen durch intelligentes Management vermeidet, kann seine Netzentgelte um bis zu 80 % reduzieren.
    Gewerbespeicher lohnen sich: Die Kombination aus Stromspeichern und dynamischen Tarifen (Laden bei Negativpreisen) macht sich bereits nach drei bis fünf Jahren bezahlt.

    Wilhelm, in den Medien und der Politik wird aktuell viel über den sogenannten „5-Cent-Industriestrom“ diskutiert. Was genau hat es damit auf sich und wie bewertest du diese Maßnahme für deutsche Unternehmen?

    In der öffentlichen Wahrnehmung klingt das Gesetz wie die absolute Rettung für die Wirtschaft. Viele kaufmännische Leiter im Mittelstand gehen davon aus, dass die Politik sie mit diesem Pauschalpreis entlastet. Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier jedoch meilenweit auseinander, denn das Gesetz ist absolut irreführend.
    Wer genauer hinschaut, merkt schnell, dass die Regelung für den normalen Betrieb völlig unbrauchbar ist. Dafür gibt es im Wesentlichen fünf Gründe:

    Der Mittelstand bleibt komplett außen vor: Der Deckel gilt exklusiv für extrem energieintensive Großbetriebe, die in einer speziellen Liste des Gesetzgebers geführt werden. Das betrifft gerade einmal rund 2.000 Unternehmen in ganz Deutschland. Der klassische Mittelstand, wie zum Beispiel der Maschinenbau, Metallverarbeiter oder Agrarbetriebe, geht komplett leer aus.
    Selbst die wenigen berechtigten Großkonzerne bekommen nicht ihren gesamten Bedarf subventioniert, sondern höchstens die Hälfte ihres historischen Verbrauchs.
    Hinzu kommt: Die 5 Cent decken nur den reinen Beschaffungspreis an der Börse. Steuern, staatliche Abgaben, Umlagen und die Netzentgelte werden komplett obendrauf gerechnet. In der Realität zahlen die Unternehmen also trotz Deckel ein Vielfaches.
    Wer die Förderung beansprucht, wird an die gesetzliche Kette gelegt. Mindestens die Hälfte des gesparten Geldes muss innerhalb von 48 Monaten in die CO₂-Reduzierung oder in Energieeffizienz reinvestiert werden.
    Und zu guter Letzt: Die Hilfe kommt nicht sofort. Unternehmen müssen das gesamte Jahr über die regulären, teuren Marktpreise voll vorfinanzieren. Erst im Folgejahr gibt es das Geld nach einer aufwendigen Wirtschaftsprüfung und Antragstellung beim BAFA zurück.

    Keine staatliche Hilfe für den Mittelstand bedeutet, dass die Unternehmen selbst aktiv werden müssen. Mit Blick auf die Praxis: Wie kaufen Betriebe aktuell Strom ein? Welche Strategien beobachtest du und wo wird das meiste Geld verschenkt?

    Die meisten Einkäufer begehen Jahr für Jahr denselben Fehler und warten bei der Energiebeschaffung bis zum letzten Drücker. Die Quittung folgt im Herbst: Wer dann hektisch den Strom für das nächste Jahr einkauft, zahlt wegen geopolitischer Preissprünge oft absolute Höchstpreise. Clevere kaufmännische Leiter machen das anders. Sie nutzen stattdessen ein Marktphänomen, das wir als „Backwardation“ bezeichnen.

    Das bedeutet: Weil die aktuellen Risiko- und Krisenaufschläge für Lieferungen in der fernen Zukunft wegfallen, ist Strom in den Folgejahren derzeit deutlich günstiger als in der Gegenwart. Wer vorausschauend und antizyklisch plant, wird vom Markt also massiv belohnt.

    Schaut man sich die aktuellen Terminmarktpreise der Leipziger Börse EEX für die kommenden Jahre an, zeigt sich ein klarer Abwärtstrend. Beim Erdgas ist dieser Effekt sogar noch deutlicher: Die Lieferjahre 2028 und 2029 sehen im Vergleich zu 2027 erheblich besser aus und sind oft bis zu 30 % günstiger. Die kaufmännische Lösung für Betriebe ab einem Jahresverbrauch von 250.000 Kilowattstunden liegt daher in flexiblen Tranchen- und Mixmodellen. Wir loggen jetzt strategisch die günstige Grundlast für 2028 und 2029 ein, während wir die restlichen Mengen flexibel halten. So sichert man sich heute schon die Tiefpreise der Zukunft, bleibt aber maximal reaktionsfähig.

    Die richtige Strategie an der Börse ist also der erste wichtige Schritt. Du hast vorhin aber erwähnt, dass der reine Energiepreis nur ein Teil der Wahrheit ist und staatlich regulierte Kosten hinzukommen. Welche Fallstricke verbergen sich hinter diesen anderen Kostenbestandteilen?

    Der größte Posten abseits des reinen Stromeinkaufs sind die Netzentgelte, die oft rund ein Viertel der Stromrechnung ausmachen. Dass diese Kosten absolut starr und unveränderlich sind, ist einer der teuersten Irrtümer im Mittelstand. Genau hier schnappt eine gefährliche Falle zu: Eine einzige, ungesteuerte Lastspitze von nur 15 Minuten bestimmt die Netzkosten für das gesamte Jahr! Wenn beispielsweise am ersten Montagmorgen nach den Betriebsferien alle Maschinen gleichzeitig anlaufen, misst der Netzbetreiber diesen Maximalwert und legt ihn für die nächsten zwölf Monate als Abrechnungsgrundlage fest.

    Hier liegt aber auch ein enormer Hebel, den kaum ein Unternehmer im Blick hat: die sogenannte „atypische Netznutzung“ nach § 19 StromNEV. Legt ein Betrieb seine Lastspitzen außerhalb der teuren Hochlastzeitfenster, erhält er massive Nachlässe.
    Um die Leistung in diesen kritischen Stunden abzusenken, nutzen wir intelligentes Lastmanagement oder Gewerbespeicher.

    Unterm Strich lassen sich die Netzentgelte so um bis zu 80 % reduzieren. Für einen Mittelständler bedeutet das je nach Auslastung und ganz ohne Anbieterwechsel eine Ersparnis von 20.000 bis über 70.000 Euro pro Jahr. Wir prüfen gern gemeinsam mit unseren Kunden, ob dieses Modell für sie infrage kommt.

    Um solche Lastspitzen flexibel abzufangen und teure Zeitfenster zu umgehen, braucht es natürlich die passende Infrastruktur vor Ort. Wenn wir über moderne Technologien in diesem Bereich sprechen: Welche Lösungen sind gerade auf dem Vormarsch?

    Da stehen ganz klar moderne Gewerbespeicher im Fokus. In vielen Chefetagen gelten sie zwar immer noch als unbezahlbare Liebhaberei, reine Notstromlösung oder grünes Vorzeigeobjekt. Aber dieses Bild ist völlig überholt. Durch den massiven Zubau von Solar- und Windkraft hat sich die Dynamik am Strommarkt komplett gedreht. An der Strombörse kommt es immer häufiger zu negativen Strompreisen, vor allem an sonnigen Wochenenden oder in windstarken Nächten.

    Kombiniert man nun einen dynamischen Stromtarif mit einem modernen Gewerbespeicher, wird aus einem passiven Kostenfaktor plötzlich ein hochinnovatives Business-Modell, der sogenannte „Multi-Use“. Das System funktioniert vollautomatisch:

    Pfeil

    Laden bei Negativpreisen:

    Der Speicher lädt sich genau dann auf, wenn die Börsenpreise negativ sind. Im Extremfall wird ein Betrieb also dafür bezahlt, Strom aus dem Netz zu beziehen.

    Pfeil

    Nutzen bei Hochpreisen:

    Der billige Strom wird dann im eigenen Betrieb verbraucht, wenn die Netzpreise besonders hoch sind.

    Gleichzeitig nutzen wir den Speicher für das eben erwähnte „Peak Shaving“, um teure 15-Minuten-Lastspitzen gar nicht erst entstehen zu lassen. Durch dieses Zusammenspiel schrumpft die Amortisationszeit eines Gewerbespeichers von ehemals über zehn Jahren auf hochwirtschaftliche drei bis fünf Jahre. Das ist knallharte kaufmännische Optimierung.

    Die kaufmännischen Vorteile von Speichertechnologien und neuen Tarifmodellen liegen auf der Hand. Dennoch zögern viele Betriebe, wenn es um die konkrete Umsetzung oder einen Versorgerwechsel geht. Welche konkreten Bedenken begegnen dir da in der Praxis?

    Die größte Sorge vieler Produktionsleiter ist ein Stromausfall oder Produktionsstillstand während des Übergangs. Diese Angst ist jedoch technisch und rechtlich absolut unbegründet. In Deutschland ist die lückenlose Stromversorgung gesetzlich garantiert. Niemand steht bei einem Wechsel plötzlich ohne Strom da. Der Übergang läuft völlig geräuschlos im Hintergrund ab. Technische Änderungen am Netzanschluss vor Ort sind nicht nötig. Unsere Kunden erhalten ein Rundum-Sorglos-Paket: Wir kümmern uns um den reibungslosen Wechsel und stellen sicher, dass alles klappt.

    Wilhelm, vielen Dank für diesen tiefen und ehrlichen Einblick in den Energiemarkt.

    Sehr gern. Mein abschließender Rat an alle kaufmännischen Leiter und Geschäftsführer: Warten Sie nicht auf Entlastungen aus der Politik. Die größten Hebel, um Energiekosten spürbar zu senken, haben Sie selbst in der Hand: eine vorausschauende Einkaufsstrategie und ein intelligentes Verbrauchsmanagement. Wer jetzt aktiv wird, sichert sich handfeste Wettbewerbsvorteile für die kommenden Jahre.

    Fazit des Experten:

    „Warten Sie nicht auf Entlastungen aus der Politik. Die größten Hebel, um Energiekosten spürbar zu senken, haben Sie selbst in der Hand: eine vorausschauende Einkaufsstrategie und ein intelligentes Verbrauchsmanagement. Wer jetzt aktiv wird, sichert sich handfeste Wettbewerbsvorteile für die kommenden Jahre.“

    Willhelm Große

    Tarifexperte bei Stromvergleich.de

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